Unabhängiges Magazin

Der Körper mein Feind

Der Körper mein Feind

Vor gut einem Jahr wurde ich kurz nach meinem Geburtstag mit einer Herausforderung konfrontiert, von der ich nicht erwartete, sie so schnell in meinem Leben willkommen heißen zu müssen. Ein schwermütiger Winter lag hinter mir. „Ich neige zur Melancholie“ war lange der beschwichtigende Slogan, den mein Ego mir zuflüsterte. Ich könne schließlich keine mentalen Probleme haben. Woher sollten diese denn kommen? Ich bin in relativem Wohlstand und mit Geborgenheit groß geworden. Es lagen keine akuten Traumata vor, die ich psychotherapeutisch aufzuarbeiten hätte. Anderen Menschen ginge es schließlich objektiv viel schlechter als mir, schnellte es mir immer wieder durch den Kopf.

Neujahr lag bereits weit hinter uns und ich spürte, wie sich meine Verfassung auf mein soziales Umfeld auswirkte. Ich war weniger gelassen, eher gereizt. Ich hatte ein gewisses Maß an Impulskontrolle verloren. Ich blickte in den Spiegel und betrachtete eine entartete Version meiner selbst. Mir blickte jemand entgegen, den ich einfach nicht ansehen wollte. Ich fing an, das lange eiserne Schweigen zu brechen. Ich sprach mit Menschen aus meinem Umfeld, die selbst Erfahrungen mit mental herausfordernden Lebensphasen gemacht hatten. Aus diesen Gesprächen ging ich bestärkt hervor. Ich musste langsam anerkennen, dass meine subjektive Gefühlslage nicht mit derjenigen anderer zu vergleichen ist. Ich lernte, dass ich mein eigenes Leid immer mit dem Blick nach Außen relativiert habe. Ich habe mein Leiden nicht anerkannt, sondern klein geredet. Ich habe die Signale, die mein Körper mir mittlerweile entgegenwarf, nicht als solche anerkannt. Ich musste mir eingestehen, dass ich zutiefst erschöpft war. Ich konsultierte meinen Arzt. Daraufhin erfolgten weitere Termine bei Fachleuten. Und schließlich auch Blutuntersuchungen. Diagnose: Diabetes Typ 2. Wie kam es dazu?

Ich habe mich schon immer über meine intellektuellen Fähigkeiten definiert. Ich war seit der Pubertät der dickliche Junge mit all den Vorurteilen und Hänseleien, denen man sich entgegensieht, wenn man „von der Norm abweichende“ Merkmale aufweist. Mitschüler zeigten mir offenkundig, woran mein Körper Mangel litt, beziehungsweise von was er in meinem Fall angeblich zu viel hatte. Ich fing an, diesen Worten Glauben zu schenken. Mein Körper wurde sukzessive zu etwas, das auch ich mit Abneigung zu betrachten begann. Er wurde peu à peu zu etwas, das mich hinderte, so wie andere zu sein. Dies drückte sich anfangs noch in basalen Vergleichssituationen aus. Im Sportunterricht mussten wir gefühlt ständig Cooper-Tests absolvieren, in denen man in 12 Minuten eine so große Distanz wie möglich erlaufen musste. Runde um Runde wurde ich von Mitschülern überholt und gleich abgehängt. Mein Hobby Fußball wurde auch zusehends von den Gedanken an meine Unzulänglichkeit geprägt. Vor allem unter jungen Männern habe ich einen gewissen Drang oder Druck wahrgenommen, andere zu übertrumpfen. Dabei wurde schnell und gerne der Ellenbogen ausgefahren. Selbst wenn ich das Spiel nicht auf diese Weise mitspielen wollte, wurde meine Zurückhaltung als Niederlage oder Eingeständnis der Unterlegenheit gewertet. Heute frage ich mich, wem dieses ständige Konkurrenzverhalten wirklich genutzt hat.

Ich zumindest spaltete das Verständnis für meine Körperlichkeit immer mehr von den Dingen ab, die ich mochte, weil ich in ihnen endlich Anerkennung und Respekt fand. Ich verzog mich in meinen intellektuellen Elfenbeinturm. Meinen eigenen Leib ließ ich am Fuße des Turms zurück. Ich wollte ihn nicht mal mehr im Spiegel betrachten. Heute glaube ich, dass ich auf diese Weise lernte, überlebensfähig zu sein. Ich hasste meinen Körper mittlerweile. Nur, wenn ich ihn als etwas verstand, mit dem ich mich nicht identifizierte, konnte ich mich des vollständigen Selbsthasses erwehren. Ich durfte nicht mein Körper sein. Ich musste nur Geist sein, um mich mögen zu können.

Die Abneigung, die ich meinem Körper gegenüber empfand, übersetzte sich auch fortwährend im eigenen Umgang mit ihm. Ich nutzte diesen nur noch als Quelle libidinöser extremer Freuden. Ich fing an, beinahe wahnhaft zu masturbieren, ich aß und ich trank. Ich aß intensiv schmeckende Dinge und trank Alkohol, der mich taub machte. Ich kannte kein Maß mehr, sondern nur noch die kurzfristige Lustbefriedigung. Mein Körper existierte nur noch im Schlaglicht der Exzesse. In diesen Extremen schenkte dieser mir wenigstens einen Hauch von Glück.

Mir ging es mit dieser Dichotomie von verachtetem Körper und bewunderten Geist zunehmend schlechter. Ich musste etwas ändern. Aber auch hierin war ich extrem. Diätphasen und Jojo-Effekte gaben sich in der Folge die Klinke in die Hand. Diäten waren von Verzicht auf beinahe alles geprägt; Phasen der Zunahme von Verdrängung meiner eigenen Lage. Aber die Einstellung zu meiner Leiblichkeit änderte sich nicht mit der Anzeige der Waage. Er war mir immer noch fremd.

Die Konsequenzen meines Verhaltens waren mir theoretisch bewusst. Doch waren die Folgen lange nicht praktisch spürbar. Ich lief vielmehr in der Jugend mit einem gewissen Gefühl der Unbezwingbarkeit durch die Welt. Höchstens der Kater nach der Party zeigte einem praktisch auf, dass sein Verhalten Folgen nach sich zieht. Heute weiß ich sehr wohl, dass ich auch damals die Folgen meiner Selbstverachtung spürte. Aber meine körperliche und mentale Selbstwahrnehmung erschienen mir in diesen Tagen als normal. In der Zukunft würde es schon besser werden, redete ich mir ein. Ich begann mein Studium, wechselte das Fach. Wurde Philosophiestudent. Und der Elfenbeinturm wurde höher und abgeschotteter. In der Philosophie suchte ich eine Art Ersatzreligion für meinen kürzlich verlorenen Glauben an einen monotheistischen Gott. Und ich fand zumindest eine Idee der Unendlichkeit in mir selbst: Meinen Geist. Ich erlebte diesen als etwas, das kaum Grenzen kannte. Kreativität und Vorstellungskraft schienen mir eine unergründliche Tiefe zu verkörpern. Ich tauchte immer lieber in diese ein. Mein Geist erfasste Ideen, die mich mit längst verstorbenen Menschen der Antike verband. Ich sah in ihnen Spiegel und wurde immer ehrfürchtiger im Angesicht des Geistes. Der Körper wirkte nun noch mangelhafter. Er zeigte mir auf, dass ich engmaschige Grenzen habe. Ich werde wahrscheinlich nicht mehr größer als 1,80 Meter. Mein Körper zeigt in alle Richtungen Begrenzungen auf. Welch ein Makel für die Funktionsweisen des Geistes! Mein Körper und seine Mangelhaftigkeit trieben mich regelrecht in Angstzustände. Ich dachte viel über die Vergänglichkeit und den Tod nach. Dies musste ich, weil ich Körper war. Zu diesem Zeitpunkt zementierte ich in meiner Selbstwahrnehmung die Trennung von Körper und Geist regelrecht.

Irgendwann las ich Ludwig Feuerbachs mittlerweile berühmte Aussage: „Der Mensch ist, was er isst.“. Ich ordnete den Satz philosophisch und ideengeschichtlich ein, schrieb sogar eine Seminararbeit über ihn. Intellektuell konnte ich ihn begreifen. Ich sprach ihn nach, als würde ich lateinische Vokabeln üben, ohne deren tiefere Bedeutung wirklich zu verstehen. Feuerbach vertritt mit diesem Ausspruch eine materialistische Weltsicht, die für uns heute geradezu normal scheint. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war dies noch anders. Ich konnte die zeitgenössische Sprengkraft kaum nachvollziehen. Ich entwickelte eine starke Antipathie gegen allzu materialistische Denker. Sie alle waren mir zu sehr auf die Endlichkeit und den Körper fixiert. In ihnen fand ich nur die Bestätigung all meiner Ängste und Abneigungen vor der Vergänglichkeit. Doch diese sollte mich Jahre später bei dem Arztbesuch brachial einholen. Ich konnte mein Leben auf dieselbe Art weiterführen. Täte ich dies, würden möglicherweise ernsthafte Folgeerkrankungen – beispielsweise Nervenschäden, Erblindung, Gefäßschäden, Herzinfarkte, Schlaganfälle und Depressionen – auf mich warten. Dies war keine Option für mich. Ich musste mich ernsthaft mit meinem Körper beschäftigen.

Ich befasste mich mit einer nachhaltigen und diabetesgeeigneten Ernährungsweise, ohne dabei den Genuss aus den Augen zu verlieren. Ich fing an, meine Nahrung zu tracken, auf den zugeführten Zucker zu achten und Industriezucker fast vollständig von meinem Speiseplan zu streichen. Ich schwang mich auf mein Rad. Ich lernte, wieder Spaß an Bewegung zu haben. Ich horchte in mich hinein und begann mit Achtsamkeitsübungen meinen Körper einfach zu beobachten, ohne zu urteilen. Was war überhaupt in mir los? Wie fühlten sich meine Glieder an? Was machte die Atmung mit meinem Herzschlag? Welche Gefühle spürte ich? Und ich ließ das, was ich beobachtete, geschehen. Ich las, dass sich mein Gehirn bei meinen Zuckerwerten mutmaßlich seit Jahren in einem Entzündungszustand befand. Ich interpretierte meine depressiven Episoden als Folge meines Umgangs mit mir selbst. Diese Veränderungen liefen praktisch an der Oberfläche ab. Die viel bedeutendere Transformation war die unbewusst ablaufende Auseinandersetzung mit mir selbst. Eine quälende und entscheidende Frage, der ich mich allerdings noch stellen musste, war die der Verantwortung.

Ich verstehe meine eigene Geschichte nun aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Natürlich bin ich für Mobbing und Abwertung in bestimmten sozialen Kontexten nicht verantwortlich. Ich wurde in der Schule schließlich nicht mit sachlicher Kritik konfrontiert, der es um mich und meine Gesundheit ging. Ich wurde durch eine Gruppe anderer herabgewürdigt, um deren eigene Ziele zu verwirklichen. Wo auch immer diese lagen. Glücklicherweise gibt es immer lauter werdende Bewegungen, die sich für diese sozialen Mechanismen interessieren und auf deren Destruktivität hinweisen. Ich versuche mittlerweile mein Selbstbild von den Einflüssen der Außenwelt in Form von plumper Herabsetzung abzuschirmen. Ich strebe ein Umfeld an, das den Wert eines Menschen nicht anhand weniger Merkmalen definieren möchte.  Ich bin mir aber natürlich ebenfalls bewusst, dass ich eine Verantwortung mir selbst gegenüber habe. Bestimmte Funktionsweisen meines Körpers wurden durch mein Verhalten nachhaltig irritiert, worin dieses auch immer gründete. Mein vergangenes Selbst konnte meiner Physis nicht die Liebe entgegenbringen, die es für ein gesundes Gedeihen brauchte. Das lag damals in meiner Verantwortung. Die Vergangenheit kann nicht geändert werden, nur als Lehrmeisterin für heute dienen. Ich musste lernen, mich in der Gegenwart mehr wert zu schätzen. Was habe ich also anders gemacht als in meiner bisherigen Zeit? Ich habe meinem Körper Liebe entgegengebracht, indem ich ihm die Dinge gab, die ihm auf lange Frist gesehen guttun und zur Gesundheit beitragen. Ich habe meinem Körper einen regelrechten Vertrauensvorschuss gezahlt. Das Vertrauen zahlt sich mittlerweile aus. Mein Körper signalisiert mir, dass es ihm besser geht und damit natürlich auch mir – dem Geistwesen. Die Gräben zwischen mir und meinem Körper werden sukzessive zugeschüttet.

Heute verstehe ich auch, dass beide Sphären – Geist und Körper – in mir miteinander interagieren und voneinander abhängen. Es brauchte keine „psychischen“ Themen, um mentale Probleme zu entwickeln. Das traumatische Erlebnis, das ich Anfang des letzten Winters nicht sehen konnte, lag die ganze Zeit in mir selbst. Ich habe einen gewichtigen Teil meines eigenen Selbst viel zu lange aktiv verletzt, indem ich diesen verachtete und dementsprechend behandelte. Doch plötzlich war auch die Sphäre bedroht, die ich selbst so sehr achtete: mein Geist. Erst an diesem Punkt wurde mir deutlich, dass Handlungsbedarf bestand. Erst als etwas auf dem Spiel stand, das ich lieben konnte, wurde ich mir endlich meines Problems vollumfänglich bewusst.

Mein Geist lebt nicht unabhängig in mir. Ich habe den Dualismus von Geist und Materie aufgegeben.

Mein Körper wird mit der Zeit immer mehr zu einer Art Verbindungsglied nach außen sowie nach innen. Ich spüre heute meine Gefühle viel direkter, meine Sinne sind offener für die Wirkungen der Welt dort draußen. Mein Geist ist durch die gewachsene Selbstfürsorge ebenfalls so vital wie lange nicht. Ich weiß nun:

Mein Geist, das bin ich. Mein Körper, das bin ich. Beides sind Anteile in mir, denen ich Beachtung schenken muss.

Auch wenn ich natürlich nicht unsterblich bin, akzeptiere ich den Tod doch ein klein wenig mehr als früher. Der Prozess ist angestoßen. Ob ich irgendwann zu einem befriedigenden Schluss komme, weiß ich nicht. Ich weiß, dass ich mich heute im Spiegel ansehe und mir sagen kann, dass ich okay bin. Das reicht mir für den Anfang. Ich bin schließlich noch ein Anfänger auf dem Gebiet der Selbstliebe.

 

Über die Autorin / den Autor

Marco Meitner

Marco studierte Philosophie und Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. In seinen Texten verbindet er persönliche Erfahrungen mit philosophischen Fragen über Körper und Geist, Identität, Selbstwahrnehmung und den Umgang mit Krankheit.

Gesundheit im Kontext

Menschen, Systeme, Strukturen und ihre Folgen.

Gefördert durch die Wirtschaftsagentur Wien