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Vom Schmerz in die Sucht – Droht Europa eine Opioid-Krise?

Vom Schmerz in die Sucht – Droht Europa eine Opioid-Krise?

Millionen von Patienten leiden in Europa unter chronischen Schmerzen. Allein in Deutschland sollen rund 4 Millionen unter akuten chronischen Schmerzen leiden.

Fast jede 5. Krankschreibung ist laut einer Umfrage der DAK-Krankenversicherung aus dem Jahr 2024 auf Rückenschmerzen, Bandscheibenschäden oder andere Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems zurückzuführen.

Zur Versorgung stehen oftmals nur geringe Ressourcen zur Verfügung. In Deutschland stehen nur rund 1400 Schmerzmediziner und rund 450 Krankenhäuser mit spezialisierten Abteilung zur Verfügung. Eine adäquate, also angemessene Versorgung und Schmerztherapie ist daher nur für eine Minderheit der Patienten möglich.

Therapie

Zur Therapie von chronischen Schmerzen werden Opioide verschrieben. Diese wirken vor allem schmerzlindernd und machen Schmerzrezeptoren weniger empfindlich.

Dabei wird zwischen starken und schwachen Opioiden unterschieden. Zu den schwachen Opioiden zählen Tilidin, Tramadol und Codein, diese werden primär zur Therapie von chronischen Husten eingesetzt. Starke Opioide wie Morphin, Oxycodon und Fentanyl werden zur Therapie von starken Schmerzen während einer Operation, zur Bekämpfung von Tumorschmerzen oder in der palliativen Versorgung, also in der Versorgung von sterbenskranken Patienten eingesetzt.

Auswirkungen

Aktuelle Recherchen des „World of pain“ Netzwerk, einem Zusammenschluss von Redaktionen der Washington Post, ZDF, Der Spiegel, Der Standard und Tamedia zeigen jedoch, dass in den

vergangenen Jahren immer mehr Opioide auch für weit verbreitete Beschwerden wie Rücken- und Arthrose-Schmerzen von Medizinern verordnet werden.

Hunderttausende Europäer erhalten auf den Rat von Ärzten Opioide, also Schmerzmittel mit hoher Suchtgefahr. Pro Kopf sind es mehr als in den USA, wo die Regierung bereits 2017 den nationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen hat und im Jahr 2024 laut Schätzungen des National Center for Health Statistics rund 97.000 Überdosierung, ein Großteil entfällt auf Opiate wie Fetanyl.

Ausgangspunkt der Opioid-Krise waren Pharmafirmen, wie „Purdue Pharma“ die das hochwirksame Schmerzmittel „Oxycontin“, zugelassen im Jahr 1995, über die kostenlose Abgabe an Hausärzte und mit umfangreichen Werbekampagnen vermarkteten. Dabei wurde das Suchtpotenzial systematisch verschleiert.

In Kombination mit der Verschreibungspraxis lokaler Ärzten führte dies Schmerz-Patienten in die Sucht. Sie mussten sich ihren Stoff schließlich illegal besorgen, wenn sich kein Mediziner mehr fand, der ihnen Opiate verschreiben wollte.

Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) spricht in ihrem Drogenbericht 2024 von einer „wachsenden Bedrohung“, insbesondere von einem „wachsenden Opioidproblem“ in Europa.

Die EU schätzt, dass es in den Mitgliedsländern 2022 mindestens 6.392 Todesfälle im Zusammenhang mit einer Drogenüberdosis gab. Das entspricht EU-weit einer Todesrate von 22,5 Toten pro einer Million Einwohner unter den 15- bis 64-Jährigen. Trauriger Spitzenreiter war und ist weiterhin Deutschland mit 1.631 dokumentierten Fällen. Die Zahl stieg in 2024 weiter auf 2227, den höchsten hier jemals erfassten Stand. Die Zahl der erfassten Drogentoten in der EU steigt seit Jahren und hierbei handelt es sich nur um eine Mindestschätzung. Im Interview mit dem ZDF fasst Andrea Burden, Professorin für Pharmakoepidemiologie an der ETH Zürich die Situation zusammen:

„Es zeigt sich, dass wir in Europa in die gleiche Situation geraten wie in den USA vor 15 Jahren“,

Was gegen die Sucht hilft?

Der Erfolg von europaweiten Aufklärungskampagnen zur Senkung des Tabakkonsums in dem Vereinigten Königreich (UK) und in Deutschland, wie der Kampagne „rauchfrei“ zeigen, dass die Gesellschaft eine Opiod-Sucht-Krise nicht hilflos gegenübersteht.

Eine ausreichende, adäquate Schmerztherapie und die Erforschung alternativer Schmerzmittel stellt jedoch eine enorme Herausforderung dar. Politischen Rahmenbedingung und die Bereitstellung entsprechender Ressourcen sind nötig, um steigender Patientenzahlen mit manifesten Schmerzproblemen präventiv entgegenzuwirken.

Kritische unabhängige Patienteninformationen wie durch den Urtikariaverband schaffen die Vorraussetzungen für eine kritischen Umgang mit Wirkstoffen und den Einsatz von Opiaten.

Quellen:
https://www.bvsd.de/bvsd-weissbuch-schmerzmedizin-2024-aktuelle-schmerzstudie-patienten-mit-chronischen-schmerzen-warten-zwei-bis-fuenf-jahre-auf-eine-qualifizierte-behandlung/

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/77239/umfrage/krankheit-hauptursachen-fuer-arbeitsunfaehigkeit/
https://www.cdc.gov/nchs/nvss/vsrr/drug-overdose-data.htm
https://portal.dimdi.de/de/hta/hta_berichte/hta301_bericht_de.pdf
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(22)01594-X/fulltext
https://www.euda.europa.eu/publications/european-drug-report/2024/heroin-and-other-opioids_en
https://www.derstandard.at/story/3000000236176/opium-fuer-den-schmerz-warum-die-opioidkrise-oesterreich-nicht-verschont-hat?ref=niewidget
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/kommt-die-opioid-krise-auch-nach-deutschland-150022/
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2022/10/18/fentanyl-der-amerikanische-fluch-aus-china-und-mexiko
https://www.deutschlandfunk.de/fentanyl-opioide-drogen-krise-deutschland-100.html
https://assets.hkk.de/fileadmin/dateien/allgemeines_uebergeordnet/reports/gesundheitsreports/2022_hkk_gesundheitsreport_opioide_web.pdf (Gerd Glaeske – Opiod Report 2022)
https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/kriminalitaet/opioid-sucht-schmerzmittel-risiken-100.html
https://www.vox.com/the-highlight/2024/1/16/24033590/treatment-opioid-addiction-crisis-2024
https://www.aerzteblatt.de/archiv/228567/Praevention-Kampagne-fuer-den-Rauchstopp
https://datenportal.bundesdrogenbeauftragter.de/nikotin
https://www.springermedizin.de/rauchen-und-raucherentwoehnung/tabakpraevention-am-beispiel-der-rauchfrei-kampagne/16172802

Über die Autorin / den Autor

Nils Hensel

Gesundheit im Kontext

Menschen, Systeme, Strukturen und ihre Folgen.

Gefördert durch die Wirtschaftsagentur Wien